Ist Angst unser Lifestyle?

Angst verkauft sich scheinbar gut: Früher gab es aus gegebenem Anlass mal eine Sondersendung im TV, aber heute gibt es jeden Abend nach den Nachrichten Sondersendungen und das Programm scheint nur noch aus dem einen C-Thema zu bestehen.

80 Prozent der Deutschen, 75 Prozent der Österreicher und 60 Prozent der Europäer sagen, dass sie vor der Zukunft Angst haben. Die „German Angst“ ist ein etablierter Begriff. Dabei ist Angst ein schlechter Berater, wenn es um unsere Zukunft geht.

Das Paradox

Mindestes zwei Drittel der Menschen sind laut Umfragen zufrieden, glücklich oder sehr glücklich. Weniger als 10 Prozent halten ihre Lebensumstände für schlecht oder problematisch.

Sitzen wir im warmen Nest und bestaunen die Schrecken dieser Welt?

Ein gesunder Optimismus scheint nicht halb so sexy zu sein wie die Klimakatastrophe, drohende Arbeitslosigkeit, Altersarmut, das brennende Australien oder die Pandemie. Übrigens Australien: Brennt das noch? Die Medien beschäftigen sich immer nur mit dem letzten Schrei. Australien ist out. Kannst du dir eine Sendung in den Medien vorstellen, in der es nur um Lösungen der Probleme geht, die Optimismus ausstrahlt und Menschen positiv in die Zukunft blicken lässt? Klingt das nicht schon „langweilig“?

Die Angst vor der Wirtschaftskrise

Neueste Infos letzter Nacht: Die Restaurantkette Vapiano wird Insolvenz anmelden wegen der Umsatzausfälle aufgrund der Pandemie. Die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof sucht angesichts der Umsatzeinbrüche Rettung in einem Schutzschirmverfahren. ADIDAS wird jetzt doch die Mieten für ihre Ladenlokale für April bezahlen, weil die Ankündigung es nicht zu tun als „unsolidarisch“ empfunden wurde.

Wir leben in Zeiten des massiven Umbruchs. Ja, es trifft viele hart. Aber gab es nicht schon immer diese einschneidenden Veränderungen? Im Zuge der industriellen Revolution verloren Millionen Menschen ihre Arbeit. Hart traf es die Weber, die ihren Job verloren, weil mechanische Spinnstühle die Arbeit übernahmen. Fabrikarbeiter wurde durch Maschinen ersetzt und Bergleute werden heute nicht mehr benötigt. Ganze Berufe starben aus.

Was folgte bisher auf drastische Umwälzungen?

Gerade wegen des technologischen Fortschritts ist Arbeit körperlich leichter geworden, einfacher und schneller zu bewerkstelligen. Wer will denn heute noch als Erntehelfer Spargel stechen? Landwirtschaftliche Betriebe müssen Saisonkräfte aus Rumänien, Bulgarien und Polen anwerben, sonst kann die Ernte nicht eingebracht werden. Aktuell gerade ein großes Problem, weil die Südeuropäer nicht anreisen können.

Es arbeiten sehr viele Menschen in Berufen, die es vor 5 Jahren noch gar nicht gab. Wir haben mittlerweile eine Vielfalt an Berufen und Arbeitsmöglichkeiten, die doch gerade wegen des technologischen Fortschritts überhaupt erst entstanden sind. Gestern hörte ich zum ersten Mal, dass Deutschland 51% seines Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien – Sonne, Wind und Wasser – bestritten hat. Im Winter! Das ist eine junge Branche, die viele neue Arbeitsplätze geschaffen hat. Dataanalysten werden in der Industrie händeringend gesucht, aber es gibt nicht genug und sie werden kaum ausgebildet.

Ist Veränderung immer schlecht?

Jetzt wird der Pflegenotstand doch erst so richtig deutlich. Ja, wussten wir vorher auch schon. Hat aber nur am Rande interessiert. Jetzt wird aber es erst deutlich wie groß der Schwarzmarkt war, weil die ausländischen, privat angeheuerten Pflegekräfte nicht anreisen können. Plötzlich sind 240.000 Stellen zusätzlich zum bekannten Mangel unbesetzt. Die monatliche Pflegepreise explodieren gerade, weil es ein knappes Gut ist. Aha.

Kitaplätze waren bisher nie ausreichend vorhanden. Wussten wir auch alle. Aber jetzt ist die Lage zugespitzt, weil Eltern zu Hause arbeiten und Kinder ebenfalls daheim sind. So funktioniert der Familienablauf nicht und die Erwachsenen können nicht konzentriert arbeiten. Alle Mütter, die mangels Kitaplatzes ihre Kinder weg-organisieren mussten, hatten schon immer den Spagat zu vollbringen von A nach B zu rennen, Kinder hinbringen und wieder abholen, zur Arbeit zu laufen und wieder nach Hause. Das ist geplante Hetze. Ätzend und es war doch schon immer doof organisiert. Können wir das nicht besser machen?

Wenn wir Menschen uns nicht treffen und berühren sollen, ist der stationäre Handel in Schwierigkeiten. Aber die Online Welt boomt, weil wir uns alternativ alles – fast alles – liefern lassen können. Die Welt geht nicht unter. Sie verändert sich nur.

Aus Chaos entsteht Neues.

Disruption löst bestehende Geschäftsmodelle oder ganze Märkte durch Innovationen ab. Die Erwerbsbeteiligung in allen hochautomatisierten Ländern – Japan, Deutschland, Südkorea – ist die höchste. Ist das Zufall? Heute arbeiten bereits viele Mitarbeiter in vielen Unternehmen zusammen mit Robotern. Dabei steigen die Lebens- und Arbeitszufriedenheit und die Vielfalt der Arbeitsformen. Das nennen wir Co-Boting auf neudeutsch.

Was hilft uns jetzt?

Ob wir es wollen oder nicht: Die Welt ist im Wandel begriffen, ständig und fortdauernd. Nur jetzt hat der Wandel an Tempo zugelegt. Der „Lifestyle Angst“ hilft uns nicht, uns an die Change Prozesse anzupassen, mitzugehen und schon gar nicht eine bessere Zukunft zu gestalten. Angst ist auch hier ein schlechter Berater, wie sonst auch.

Uns allen hilft, sich auf unsere andere Seite, die wir ja auch haben, zu fokussieren. 2/3 aller Menschen sind zufrieden, glücklich bis sehr glücklich. Zusammen mit einer Haltung, die Hans Rosling als POSSIBILIMUS bezeichnet. Sie ist weder pessimistisch noch naiv optimistisch. Es ist eine Haltung, die positive Entwicklungen für möglich hält. Natürlich müssen wir uns alle für positive Veränderungen anstrengen. Von nix, kommt nix.

Matthias Horx sagt dazu: „Possibilismus heißt, dass wir unsere inneren Muster wieder der echten Welt annähern. Wir ERWARTEN nicht mehr so viel – und sind dann enttäuscht, wenn die Welt nicht so ist, wie wir sie uns wünschen. Es ist nämlich DIESE Diskrepanz, die Diskrepanz der KONZEPTE, die uns wahrhaft die Angst macht. Als Possibillisten können wir gelassener mit notwendigen Ent-Täuschungen umgehen. Wenn die Welt nicht so will, wie wir es gerne hätten, sind wir weniger frustriert. Und neugieriger auf das, was trotzdem kommt.“

Die Welt ist, wie sie ist. 

Deine Ilka Schaufelberger

P.S. Apropos Fokus! Ohne Konzentration auf das Wesentliche funktioniert weder die Zukunft noch die Selbstständigkeit. Lade dir gern mein neues Booklet „Selbstständig durch die Krise“ hier herunter.

1 Kommentar zu „Ist Angst unser Lifestyle?“

  1. Hallo Ilka,
    ich habe mich heute auch in einem Blogartikel mit dem Thema Angst auseinandergesetzt (liegt ja nahe) und bin froh, dass es noch Leute mit klarem Menschenverstand gibt. Ja, Angst ist ein schlechter Berater.
    LG
    Annika

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